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Gedanken zu den Ereignissen in Salzhemmendorf

Am Freitag mussten wir einen Anschlag auf Menschen aus unserer Mitte erleben. Gottseidank wurde niemand verletzt - aber es war ein klarer Anschlag auf das Leben vieler Menschen die in einem Haus in Salzhemmendorf leben.

Am frühen Morgen, nachdem ich die Nachricht erhielt, und auch am Tatort hatte ich ein be- klemmendes Gefühl und auch eine Angst. Auch als ich am Vormittag eine Familie in dem Haus besuchte, war dieses Gefühl noch da. Aber dort kam auch ein anderes Gefühl auf: Wut und der Wunsch, gemeinsam Stärke zu zeigen. Einen jungen Mann bat ich um Hilfe und da- rum, am Vormittag zu uns ins Kreishaus zu kommen und eine spontane Demonstration vorzubereiten. Er kam.

Und das Gefühl wandelte sich in ein "Jetzt-Erst-Recht-Gefühl".

Und so ging es vielen. Nur eine Stunde später waren viele Menschen aus unterschiedlichen Organisationen und Parteien im Kreishaus versammelt und wir planten den Aufruf zur Demon- station für "Gute Nachbarschaft". Und da waren dann auch große Dankbarkeit für die sponta- ne Hilfe, die sofortige Zusage aller Beteiligten zur Hilfe, eine tolle Verwaltung im Flecken Salzhemmendorf und auch im eigenen Haus.

Am Mittag haben wir eine große Pressekonferenz abgehalten bei der die Frage aufkam, ob es denn eine Überforderung gäbe bei der Unterbringung. Die Frage möchte ich auch an dieser Stelle noch einmal beantworten: Nein! Es gibt keine Überforderung. Wir freuen uns über Men- schen, die zu uns kommen. Wir wollen, dass viele von ihnen dauerhaft bleiben.

Die organisatorische Herausforderung ist vorhanden, aber natürlich lösbar, heute, morgen und auch noch übermorgen. Wer angesichts der Not, aus der Menschen bei uns Schutz suchen, hier schon aufsteckt, handelt erbärmlich. Dieser Staat mit dieser Infrastruktur kann noch eine ganze Menge mehr.

Am Nachmittag dann kamen viel mehr Menschen, als gedacht. Das war schön. Über 2000 Menschen im kleinen Salzhemmendorf. Friedlich und mit einer klaren Botschaft: Ich stehe zu meinem Nachbarn.

Und am Abend konnte die Polizei die Festnahme der mutmaßlichen Täter verkünden. Das war ein Gefühl von Gerechtigkeit, gerade auch, weil die Anklage wie wir heute erfahren haben, nicht nur auf schwere Brandstiftung sondern auch auf versuchten Mord lautete. Richtig so!

Wir haben ein Zeichen gesetzt. Wir waren uns einig, dass wir jetzt noch mehr Willkommen zeigen.

Aber wie geht es jetzt weiter? Wie geht es den Menschen, in deren Hausflur der Brandsatz explodierte?

Für diese Menschen ist es noch nicht vorbei. Bestimmt war es schön zu erleben, dass so viele für einen einstehen und eben gute Nachbarn sind. Solche, die einem helfen. Solche, die aufpassen. Solche, die zuhören wollen.

Noch am Freitag habe ich mit einer Bewohnerin gesprochen, die mir schilderte, dass genau diese Erlebnisse sie zur Flucht getrieben haben. Alles, so sagte sei, sei wieder da. Schreie, Feuer, Absperrungen.

Mit der Familie, deren Wohnung direkt betroffen war, wollte ich noch nicht sprechen. Wohl aber mit dem tollen Kollegen aus dem Ortsrat, der Mutter und Kinder direkt nach der Tat auf- genommen hat, auch er schilderte eine Retraumatisierung und die Unfähigkeit, all das zu be- greifen und zu verarbeiten.

Und deswegen haben wir noch eine ganze Menge zu tun.

Natürlich sind die Sozialarbeiter da, die das Gespräch anbieten. Aber ich glaube, wir machen uns die Wirkung nicht klar, weil wir selber nicht betroffen waren. Wir haben es nicht erlebt.

Wir werden eine ganze Menge leisten müssen, um das zerstörte Vertrauen wieder aufzubauen - sowohl mit professioneller Hilfe aber eben auch mit Nachbarschaft über den Freitag hinaus.

Wir werden versuchen, den zerstörten Wohnraum nach der Sanierung vielleicht gemeinsam als Treffpunkt zu nutzen. Wir werden die Bewohner fragen und diese Dinge mit der Gemeinde abstimmen.

Und Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger, sie sind schon auf dem richtigen Weg. Viele waren am Freitag dabei, viele, viele helfen durch Spenden oder auf vielfältige andere Weise.

Und die, die es noch nicht tun, bitte ich auch um ihren Beitrag. Wir sind es unseren Nachbarn schuldig. Überwinden sie die Fremdheit, sprechen Sie einfach mal jemand an, der neu in ihren Ort kommt. Fragen Sie ihn oder sie auf der Strasse oder im Supermarkt woher er kommt und was er erlebt hat. Zeigen Sie, dass Sie da sind. Und übrigens: Wenn Sie keine gemeinsame Sprache finden, ist das nicht schlimm. Ihr Gesicht wird deutlich genug sprechen.

Liebe Bürgerinnen und Bürger im Weserbergland, jetzt kommt es auf jeden Einzelnen von uns an. Seien Sie Mensch, trauen Sie sich, setzen Sie ein Zeichen. Die Menschen, die diese Brandsätze warfen, sollen genau das bekommen, was sie verhindern wollten. Mehr Menschlichkeit, Mehr Hilfe und am Ende neue Nachbarn.

Ihr Landrat


Tjark Bartels